Eruption
Auch schon um 5:30 Uhr morgens schwappt einem ein Hitzeschwall entgegen, wenn man das Flughafengebäude verlässt. Die Luft ist schwül und es riecht nach Regen. Vor dem Eingang stehen mehrere Männer in mehr oder weniger gut gepflegten Anzügen und halten Schilder mit Namen in die Höhe und zwischen ihnen: Selena. Sie umarmt mich und nutzt die Fahrt zu unserem Appartement, um die letzten Wochen zusammenzufassen. Dass ich seit einem Monat kein Französisch mehr gesprochen habe und schon 24 Stunden wach bin, stellt für sie offensichtlich keinen Hinderungsgrund dar.
In meinem Zimmer angekommen, döse ich buchstäblich in meinem eigenen Schweiß badend für unbestimmte Zeit vor mich hin. So erreicht mich die Nachricht erst später: Der Vulkan ist ausgebrochen. Schnell ist der bestechend einfache, aber wenig durchdachte Plan geschmiedet, dass das die wahrscheinlich einzige Möglichkeit ist, einem solchen Event beizuwohnen.
Es ist ungefähr 17 Uhr, als wir das Haus Richtung Vulkan verlassen. Schon die Autobahn gen Süden ist gestopft voll, was unseren Trip geschätzt zwei Stunden in die Länge zieht. Das ist aber nichts im Vergleich zu dem serpentinigen Schotterweg, den wir letztendlich einschlagen, um ins Gebirge hochzufahren. Es wird langsam dunkel und fälschlicherweise nehmen wir erstmal an, dass der blutorangene Himmel vom Vulkan gefärbt sei, statt vom Sonnenuntergang. Als wir den Pass einmal überquert haben, bietet sich der Anblick einer weiß-roten Perlenschnur die doch das Tal und bis zum Horizont reicht. Wahrscheinlich jedes einzelne Auto der Insel ist bereits vor uns eingetroffen, um eine unendliche Schlange zu bilden, die sich nicht zu bewegen scheint. Die Geräuschkulisse der nächsten Stunden ist geprägt von Selenas Lautsprecher, der sich in einer ansteigenden Frequenz selbst deaktiviert, weil der Akku erschöpft ist und dem Automotor, den ich alle paar Minuten aufheulen lassen muss, um den Motor einen weiteren Meter nach vorne zu versetzen. Tatsächlich ist der Weg zum Gipfel gar nicht ausgelegt dafür, dass hier gleichzeitig Wägen in entgegengesetzte Richtungen fahren und nebendran ich noch Menschen versuchen, am Straßenrand zu parken, weil der eigentlich vorgesehene Parkplatz vielleicht für 6, aber eben nicht für 6000 Fahrzeuge vorgesehen ist. Irgendwann finden wir einen abenteuerlichen Abstellplatz und ich lege viel Vertrauen in die Handbremse und in die Hoffnung, dass nicht ein spontaner Geröllrutsch unsere Rückfahrgelegenheit mit ins Tal herunterspült. Die nächste Stunde wandern wir an stehenden Autos entlang und je näher wir dem Ziel kommen, desto häufiger sieht man, wie ein wartender Fahrer weggenickt ist, ob der Unbeweglichkeit der Schlange.
Nach einer weiteren Stunde Wanderung durch schmale Pfade, die aber durch die Taschenlampen der Menschenmassen gut ausgeleuchtet sind, kommen wir endlich an. Am Ende ist es dann doch nur ein orangener Fleck in der Ferne, der in unregelmäßigen Abständen Funken sprüht und sich selbst nach oben zu katapultieren scheint. Trotzdem kann man nicht wegschauen und beobachtet das unruhige Ein- und Ausatmen unserer Erde so lange wie möglich.
Die Rückfahrt unterscheidet sich kaum von unserem Hinweg, nur durch den Faktor, dass wir nicht genau wissen, wann der letzte Strich unserer Tankanzeige auch noch auf null springen wird und wo man die nächste Tankstelle findet, die um vier Uhr morgens geöffnet hat. Aber es geht alles gut aus, und als wir zum Sonnenaufgang wieder zurück sind, bin ich zwar 10 der letzten 12 Stunden Auto gefahren (oder eben gestanden), aber auch um eine Erfahrung reifer.