Vom Feiern und Fliegen
Die Fête hätte um 10 Uhr morgens anfangen sollen, aber als wir um 14 Uhr im vorgesehen Park aufschlagen, lässt sich davon wenig erkennen. Sind wir falsch? Auf der Wiese stehen ein paar mittelalte Frauen in bunter Kleidung und bewegen sich mehr oder weniger im Takt zu einem kreolischen Beat. Es ist schwer auszumachen, ob das zu den Feierlichkeiten gehören soll oder ob sie sich einfach jeden Samstag hier treffen. Eine Palmenallee führt zu der Mitte des Parks. An den Palmen hängen Christbaumkugeln und Watte – für das weihnachtliche Ambiente.
Das Herz der Anlage ist ein altes Gebäude, in dem sich ein Museum befindet. Die Frau am Schalter erkennt meinen abgelaufenen deutschen Schülerausweis aus Papier anstandslos als gültige Studentenbescheinigung an und so vertreiben wir uns die Zeit, indem wir uns über die Venus (sowohl den Planeten als auch das Symbol für Sex und Weiblichkeit) informieren und uns ausgestopfte Vögel anschauen. Ein mutiger Mix.
Weil von einer Party immer noch nicht viel zu sehen ist, schlendern wir zu einem Café, wo die sehr redefreudige Wirtin Selena und mich gleich in zwei Crêpes aux Legumes (eine spontane Kreation mit verschiedenstem Gemüse, Ei, Käse, Mayonnaise und Ingwer, die sie schnell improvisiert, weil wir partout kein Fleisch essen wollen, noch nichtmal Hühnchen!) reinquatscht. Ehe man sich versieht, ist man deutlich ärmer, aber auch gesättigt und endlich finden wir auch die Straße, auf der sich gerade ein Umzug formiert.
Vor Ort treffen wir dann die anderen Spanierinnen (oder die Groupe 1,60 – wie die vier in Anbetracht ihrer Körpergröße auch genannt werden). Die Tänzerinnen des Umzugs haben alle kunstvoll geknüpfte und geflochtene Haare und aufwändige Kostüme in weiß mit Goldschmuck. Sie lachen beim Aufwärmen ununterbrochen, klatschen im Takt und singen Lieder. Die Trottoirs füllen sich mit Schaulustigen, die Zäune oder Laternenstangen hochklettern, um auch noch einen Blick auf die bevorstehende Parade zu erhaschen. Dann geht es los. Das Klatschen wird lauter und Trommler und Jungen mit Pfeifen hüpfen über die Straße, um die Menge aufzuheizen. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mir fällt zum ersten Mal auf, wie gering das Durchschnittsalter hier ist. In Deutschland würde man bei so einer Veranstaltung wahrscheinlich ziemlich viele weißhaarige Köpfe vorfinden, doch hier sind die meisten wahrscheinlich noch unter 20.
Es ist dunkel und auf den Bussteigen stehen viele Menschen, Feiernde und Arbeiter auf dem Weg nach Hause. Nur Busse sieht man weit und breit keine. Ich stehe extra vier Stunden vor Abflug hier, für eine Fahrt, die im Optimalfall nur zehn Minuten brauchen sollte. Doch der Puffer ist richtig und wichtig, das merkt man spätestens nach einer halben Stunde Warten ohne jegliche Informationen. Zwei Verbindungen sind laut Fahrplan schon verstrichen. Die Menschen vor Ort kratzt das allerdings wenig. Niemand scheint erstaunt oder panisch, keiner schreit herum oder macht uninspirierte Witze über den Personennahverkehr. Ein Bus der etwas abseits steht soll zwar laut Schild in die richtige Richtung fahren, macht aber (wie der Fahrer in ihm selbst) keine Anstalten, sich zu bewegen. Nach weiteren 20 Minuten heult der Motor plötzlich auf und der Bus rollt an. Eine nette Studentin klärt für mich die Route en detail ab und meint, den könne ich schon nehmen.
Am Flughafen angekommen invertieren sich die Verhältnisse der Hautfarben, wie es bei den Orten der Insel, die teuer sind üblich ist: Man ist hier zu zu 90% weiß. Um diese Uhrzeit geht nur dieser eine Flieger nach Paris und so bewegt man sich zusammen als Gruppe durch die verschiedenen Stationen, vom Sicherheitscheck über die Ausweiskontrollen bis zum Gate. Es sind vor allem Geschäftsleute und Studenten, die hier reisen, vielleicht um über Weihnachten bei ihren Familien zu sein. In Paris werden uns 10 Grad und Regen erwarten, außerdem Obdachlosigkeit und Weihnachtsstimmung. Aber von alldem lässt sich in diesem Moment noch nichts spüren.